Ein Expertenbeitrag von Dr. med. dent. Stephanus Steuer, MOM Master of Oral Medicine Implantology, MSc Master of Science Implantology and Dental Surgery, Spezialist für Ästhetik und Funktion in der Zahnmedizin DGÄZ.
Zahnverlust ist nicht das Ende – auch bei schwierigen Ausgangssituationen, wie chronische Parodontitis, ausgeprägter Kieferknochenabbau oder systemische Vorerkrankungen, wie Diabetes Osteoporose und Tumorerkrankungen, bietet die moderne Implantologie heute zuverlässige Lösungen an. In diesem Beitrag erläutere ich, wie wir mit innovativen Konzepten wie All-on-4 und gezielten Augmentationstechniken auch schwierige anatomische Voraussetzungen erfolgreich meistern – immer unter Berücksichtigung des individuellen Risikos.
Implantate bei Parodontitis-Vorgeschichte und sehr geringem Knochenangebot
Patienten mit chronischer oder aggressiver Parodontitis gelten als Risikopatienten, da sie eine genetisch oder immunologisch bedingte erhöhte Anfälligkeit für periimplantäre Entzündungen aufweisen. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass eine implantologische Versorgung möglich und erfolgreich ist – vorausgesetzt, die parodontale Grunderkrankung ist therapiert und stabil.
Zentrale Voraussetzungen:
- Parodontaltherapie abgeschlossen und entzündungsfrei
- Strenge Mundhygiene und Compliance
- Strukturierte Nachsorge mit engmaschigem Recall
- Auswahl biokompatibler Implantatsysteme mit mikrostrukturierter Oberfläche
- Möglichst knöcherner Implantatlageraufbau ohne Weichgewebsdefizit
Knochenmangel: Konzepte bei starkem Kieferknochenabbau
Ein massiver Knochenabbau – sei es infolge von Parodontitis, langer Zahnlosigkeit oder Atrophie – stellt eine der größten Herausforderungen in der Implantologie dar. Umso wichtiger ist eine individuelle, dreidimensionale Planung mit digitalen Verfahren (z. B. DVT und CAD/CAM).
Strategien bei reduziertem Knochenangebot:
1. Knochenaugmentation
- Geführte Knochenregeneration (GBR) mit Membran und Knochenersatzmaterialien
- Blockaugmentationen mit autologem Knochentransplantat (z. B. aus Kinn oder Beckenkamm)
- Sinuslift (intern/extern) bei Atrophie des Oberkiefers
- Partikelfreie Techniken mit zellstimulierenden Faktoren (PRF, BMP) in ausgewählten Fällen
2. All-on-4®-Konzept
- Vier Implantate pro Kiefer, davon zwei im posterioren Bereich anguliert inseriert
- Vermeidung von Augmentationen durch Ausnutzung des vorderen Knochenvolumens
- Sofortversorgung möglich (festsitzend am gleichen Tag)
- Besonders geeignet bei zahnlosen oder bald zahnlosen Patienten mit reduziertem Knochenangebot
3. Zygoma-Implantate
- Bei extremem Knochenverlust im Oberkiefer, wo klassische Implantate nicht mehr haltbar verankert werden können
- Fixierung im Jochbein (Os zygomaticum) mit Spezialimplantaten
- Möglichkeit zur festsitzenden Sofortversorgung ohne Knochenaufbau
- Höchste chirurgische Expertise erforderlich – nur in spezialisierten Zentren
Implantologie bei Patienten mit systemischen Erkrankungen
Viele unserer Patienten leiden heute an chronischen Allgemeinerkrankungen– ein Umstand, der die Behandlungsplanung deutlich komplexer macht.
Typische Risikogruppen:
- Diabetes mellitus (insb. bei schlechter Einstellung)
- Osteoporose (ggf. Bisphosphonat-Therapie)
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Marcumar-Patienten)
- Rheuma, Autoimmunerkrankungen
- Immunsuppression oder onkologische Vorerkrankungen
Was ist hier zu beachten?
- Individuelle Risikoabwägung gemeinsam mit Haus- oder Facharzt
- Gute medikamentöse Einstellung der Diabets und absolut entzündungsfreies Implantationsgebiet
- Minimalinvasive OP-Techniken insbesondere bei Osteoporose bevorzugen, gute Abschirmuung mit Antibiotika und Abwägung des idealen Zeitpunktes der Implantation
- Enges perioperatives Management (z. B. Antibiotikaprophylaxe, INR-Management)
- Verzicht auf große Augmentationen, wenn Heilungsrisiken bestehen
In vielen Fällen sind reduzierte Implantatzahlen (z. B. All-on-4) oder kurze Implantate ohne aufwendige Augmentation die bessere Option.
Fazit: Auch Risikopatienten profitieren von Implantaten – mit dem richtigen Konzept
Dank moderner Techniken und individueller Risikoanalyse lassen sich heute selbst stark kompromittierte Patienten implantologisch versorgen. Vorausgesetzt werden dabei:
- Eine sorgfältige Vorbehandlung (z. B. Parodontaltherapie)
- Digital unterstützte Planung mit minimalinvasivem Ansatz
- Eine adaptive Implantatstrategie je nach Knochenangebot (All-on-4, Zygoma, Augmentation)
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit bei systemischen Erkrankungen
- Und vor allem: eine intensive Nachsorge mit perfekter Mundhygiene und mindestens 3- monatigem Recall-Abstand
Die gute Nachricht: Bei konsequenter Planung und Patientencompliance liegt die Langzeitprognose – auch bei Risikopatienten – bei über 90 % Erfolgsrate nach 10 Jahren.