Ein Expertenbeitrag von Dr. med. dent. Stephanus Steuer, MOM Master of Oral Medicine Implantology,  MSc Master of Science Implantology and Dental Surgery, Spezialist für Ästhetik und Funktion in der Zahnmedizin DGÄZ.


 

Mit dem Siegeszug der dentalen Implantologie rückt eine neue entzündliche Erkrankung zunehmend in den Fokus: die Periimplantitis. Sie stellt eine ernstzunehmende Komplikation dar, die unbehandelt zum Implantatverlust führen kann. In diesem Beitrag erläutere ich die Unterschiede zur Parodontitis, stelle aktuelle Erkenntnisse zu Risikofaktoren und Prävention vor und gebe einen Überblick über moderne diagnostische und therapeutische Strategien – inklusive innovativer Ansätze aus der regenerativen Medizin.

 

1. Was ist Periimplantitis – und wie unterscheidet sie sich von Parodontitis?

Die Periimplantitis ist eine entzündliche Erkrankung des periimplantären Gewebes mit progressivem Knochenabbau um das Implantat. Sie entwickelt sich meist aus einer vorangehenden periimplantären Mukositis – einer reversiblen Entzündung des Weichgewebes.

Wichtige Unterschiede zur Parodontitis:

Merkmal

Parodontitis

Periimplantitis

Gewebe

Natürliches Parodontium mit Sharpey-Fasern

Kein echtes Parodontium, keine Fasereinlagerung

Abwehrbarriere

Bindegewebe mit guter Durchblutung

Schwächere Immunbarriere am Implantat

Progression

Eher langsam und chronisch

Häufig schneller und aggressiver

Therapieerfolg

Meist gut kontrollierbar

Schwieriger, v. a. bei fortgeschrittenem Knochenabbau

2. Risikofaktoren: Wer ist besonders gefährdet?

Mehrere systemische und lokale Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Periimplantitis. Zu den wichtigsten gehören:

Systemische Risikofaktoren:

  • Rauchen: Signifikant erhöhtes Risiko für Mukositis und Periimplantitis
  • Diabetes mellitus: Vor allem bei schlechter Blutzuckereinstellung
  • Immunsuppression und systemische Entzündungen

Lokale Risikofaktoren:

  • Mangelhafte Mundhygiene
  • Vorangegangene Parodontitis
  • Zementreste bei zementierten Suprakonstruktionen
  • Unzureichende Weichgewebeabdichtung (schmaler oder fehlender fester Gingivasaum)
  • Fehlpositionierte Implantate oder Überkonturierung der Restauration

3. Früherkennung ist entscheidend – moderne Diagnostik

Früherkennung bedeutet die Chance auf Erhalt. Deshalb ist eine strukturierte Nachsorge bei Implantatpatienten unerlässlich. Die wichtigsten Instrumente:

  • Sondierungstiefen messen (regelmäßig, dokumentiert)
  • Blutung auf Sondieren (BoP): Frühes Zeichen periimplantärer Entzündung
  • Röntgenkontrolle: Vergleich mit Ausgangsröntgen zur Beurteilung des Knochenabbaus mind im Abstand von 2 Jahren
  • Spezielle Marker im Sulkusfluid (z. B. IL-1, MMP-8) – aktuell noch im Forschungsbereich, aber vielversprechend

Digitale Volumentomographie (DVT) bei unklaren Befunden oder zur OP-Planung

4. Prophylaxe: Implantate brauchen lebenslange Pflege

Implantatgetragener Zahnersatz ist keine „wartungsfreie Lösung“. Eine konsequente Prävention ist die beste Strategie gegen Periimplantitis, insbesondere da das Warnsignal „ Schmerz“ entgegnen einem natürlichen Zahn fehlt, Implantate können nicht schmerzen.

  • Regelmäßige professionelle Implantatreinigung (PIR): Schonende Entfernung von Biofilm
  • Patientenaufklärung und Motivation zur häuslichen Pflege, auf jeden Fall häusliche Reinigung zusätzlich mit der Munddusche, der Abschluss des Zahnfleisches zum Implantat ist nie so eng und fest wie am natürlichen Zahn
  • Individualisierte Recall-Intervalle (je nach Risikoprofil: 3–6 Monate)
  • Vermeidung von Zementüberschuss bei Suprakonstruktionen, darum in der Regel immer auf verschraubte Lösungen setzen

5. Therapieoptionen: konservativ bis chirurgisch

Die Wahl der Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung.

Nicht-chirurgische Therapie

  • Mechanische Reinigung mit Spezialinstrumenten (z. B. PEEK oder Titanaufsätzen)
  • Air-Flow® Perio mit Erythritol-Pulver zur Biofilmentfernung
  • Antiseptika (Chlorhexidin-Spülungen)
  • Systemische oder lokale Antibiotika – nur bei gezieltem Keimnachweis

Grenze: Ohne Zugang zum Knochen nur begrenzte Erfolgschancen bei fortgeschrittener Periimplantitis.

Chirurgische Therapie

  • Offene Dekontamination des Implantatkörpers
  • Resektive Verfahren (Abtragen von Granulationsgewebe, Glättung freiliegender Gewindegänge)
  • Regenerative Verfahren:
    • Einsatz von Knochenersatzmaterialien
    • Membrantechniken (GBR)
    • Schmelz-Matrix-Proteine oder plättchenreiches Plasma (PRF) zur Förderung der Heilung

6. Neue Therapieansätze und Ausblick

Die Forschung arbeitet intensiv an innovativen Methoden zur Behandlung von Periimplantitis. Einige zukunftsweisende Ansätze:

  • Photodynamische Therapie (PDT): Lichtaktivierte Substanzen zur Keimreduktion
  • Laseranwendungen (z. B. Er:YAG): Schonende Dekontamination ohne thermische Schäden
  • Biologische Regeneration mit Wachstumsfaktoren oder Zelltherapien unter anderem auch mit Hyaloron
  • Implantatbeschichtungen mit antibakteriellen Oberflächen zur Prävention (z. B. Silbersalze, Hydroxyapatit)

Fazit: Früherkennung, Prävention und interdisziplinäre Nachsorge sind der Schlüssel

Periimplantitis ist eine ernste, aber vermeidbare Erkrankung. Implantatpatienten profitieren von einem engmaschigen Recall, gezielter Aufklärung und sorgfältiger Langzeitpflege. Bei Verdacht auf Entzündung muss schnell und gezielt gehandelt werden – denn: Je früher die Diagnose, desto besser die Prognose.

Moderne chirurgische und regenerative Verfahren bieten heute gute Chancen auch bei fortgeschrittenem Knochendefekt – vorausgesetzt, der biofilmfreie Zustand wird langfristig aufrechterhalten.

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